{"id":3358,"date":"2009-12-16T00:10:14","date_gmt":"2009-12-15T23:10:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/?p=3358"},"modified":"2018-09-29T00:05:10","modified_gmt":"2018-09-28T23:05:10","slug":"dystopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/en\/dystopie\/","title":{"rendered":"Dystopie"},"content":{"rendered":"<h2>Ich lebe in einer Dystopie<\/h2>\n<p>Eine Dystopie ist laut Wikipedia die Geschichte einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt hat.<br \/>\nAlso ganz das Gegenteil der &#8220;sch\u00f6ner, schneller, weiter&#8221; Utopien meiner Jugend.<br \/>\nAls ich 14 war, tr\u00e4umte ich davon, sp\u00e4ter lichtschnell durch Sonnensystem zu reisen oder zumindest mit fliegenden Autos \u00fcber k\u00fchn geschwungene Rampen zu fahren wie in Fritz Langs Film &#8220;Metropolis&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/wp-content\/uploads\/003_s-bahn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/wp-content\/uploads\/003_s-bahn-300x225.jpg\" height=\"225\" width=\"300\" class=\"alignright wp-image-3360 size-medium\" alt=\"Moderner DB Nahverkehrszug in Rot am Bahnhof K\u00f6ln-Holweide.\" title=\"S-Bahn, Foto: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0\" srcset=\"https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/wp-content\/uploads\/003_s-bahn-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/wp-content\/uploads\/003_s-bahn-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/wp-content\/uploads\/003_s-bahn-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.wolfgangkurtz.de\/wp-content\/uploads\/003_s-bahn.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> <\/a>Real fahre ich jetzt morgens mit der S-Bahn S11 von K\u00f6ln-Holweide nach K\u00f6ln-Hansaring zur Arbeit.<br \/>\nUnd das Bahn-Erlebnis wird von Jahr zu Jahr schlimmer.<br \/>\nLetzten Mittwoch hatte ich einen Arzttermin um 8 Uhr morgens.<br \/>\nSchon durch Erfahrung mit unp\u00fcnktlichen Bahnen klug, nahm ich die Bahn um 7:40 Uhr, die mich in 20 Minuten zum Hansaring bringen sollte. Sollte.<br \/>\nAuf dem Gleis gegen\u00fcber stand ein G\u00fcterzug, weshalb meine Bahn S11 ausfiel. Daf\u00fcr kam 10 Minuten sp\u00e4ter eine Bahn, die in keinem Fahrplan stand. &#8220;OK &#8211; besser als keine&#8221;, dachte ich und stieg ein. Diese Bahn fuhr allerdings sehr langsam und auf Umwegen nur bis K\u00f6ln-Haupbahnhof &#8211; wo ich dann von Gleis 6 hinunterlaufen mu\u00dfte und auf Gleis 11 wieder hinauf, um die versp\u00e4tete n\u00e4chste S11 zu erwischen.<br \/>\nBeim Arzt war ich 10 Minuten zu sp\u00e4t und hatte dadurch 12 andere Patienten vor mir und eine Wartezeit von einer Stunde. Bis ich dann zur Arbeit kam, war ich schon 3 Stunden mit den Auswirkungen einer immer schlechter funktionierenden Gesellschaft besch\u00e4ftigt.<br \/>\nDystopie.<\/p>\n<p>Mein Vater war Beamter bei der &#8220;Deutschen Bundesbahn&#8221; wie die Bahn AG fr\u00fcher hie\u00df und es war selbstverst\u00e4ndlich, dass die Z\u00fcge p\u00fcnktlich fuhren.<br \/>\nWenn eine Versp\u00e4tung eintrat, dann selten im regul\u00e4ren Ablauf, eher bei Fernverbindungen oder wenn ein Unfall passiert war. Mein Vater starb vor 9 Jahren und w\u00fcrde sich im Grabe herumdrehen, wenn er w\u00fcsste, dass heute Versp\u00e4tungen an der Tagesordnung sind und unter 5 Minuten gar nicht mehr genannt werden.<\/p>\n<p>Immer wieder erfrischend sind auch die Ausreden, die in der Bahn angesagt werden, wenn der Fahrplan durcheinanderkommt: &#8220;wegen eines Oberleitungsschadens&#8221;, &#8220;wegen Laub auf den Schienen&#8221; oder &#8220;wegen einer defekten Aussenscheibe&#8221; verz\u00f6gert sich dann die Fahrt &#8220;um wenige Minuten&#8221;. Manchmal hege ich die Vermutung, dass jeder Zugf\u00fchrer ein kleines rotes Heftchen mit Ausreden bei sich tr\u00e4gt. Dabei k\u00f6nnte man die meisten Gr\u00fcnde durch mehr Mitarbeiter und dadurch bessere Wartung von Fahrzeugen und Anlagen in den Griff bekommen. H\u00e4tte man doch nicht so viele Mitarbeiter entlassen&#8230;<\/p>\n<p>Ich fahre 40 mal im Monat dieselbe Strecke &#8211; und im letzten Monat lag die Zahl der versp\u00e4teten S-Bahnen bei 80 Prozent. So habe ich mir die Zukunft nicht vorgestellt.<\/p>\n<p>Was kann ich mit meiner Entt\u00e4uschung und Wut tun?<br \/>\nBei der Beschwerde-Hotline der Bahn anrufen? Ich habe geh\u00f6rt, die Telefon-Nummer sei kostenpflichtig. Hallo? Ich soll auch noch bezahlen, um mich beschweren zu k\u00f6nnen?<br \/>\nAls aufgekl\u00e4rter Konsument kann ich ja das Produkt liegenlassen und von der Konkurrenz kaufen. Hallo? Die Bahn ist de fakto immer noch Monopolist &#8211; da f\u00e4hrt niemand anders meine Strecke.<br \/>\nWas taten die Matrosen des Panzerkreuzers Potemkin, als sie verschimmeltes Brot zu essen bekamen: zettelten die russische Revolution an. Was geschah in Berlin im Februar 1968 aus Protest gegen den Vietnamkrieg: der SDS veranstaltete einen Kongress und fortan gingen die Studenten auf die Barrikaden. Was geschah aus Protest gegen die Apartheid in S\u00fcdafrika? S\u00fcdafrikanische Agrar-Produkte wurden in den 1980ern boykottiert, was zu einem Umsatzr\u00fcckgang von ca. 13 Prozent f\u00fchrte und mit half, den Untergang des Regimes zu beschleunigen.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnten wir der Bahn klarmachen, dass das so nicht l\u00e4uft?<br \/>\nWas w\u00e4re ein angemessenes Zeichen? Dem Zugf\u00fchrer mit dem Finger drohen? Mit einem selbst gemalten Transparent am Kopfende des Zuges stehen? Das Gespr\u00e4ch mit den Leidensgenossen suchen? W\u00fcrden andere frustrierte Reisende sich solidarisieren? Oder muss ich zum alten Spinner mutieren, der monoton vor sich hinbrabbelt: &#8220;fr\u00fcher war alles besser&#8230;&#8221;<\/p>\n<p>Alle Ideen sind willkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lebe in einer Dystopie Eine Dystopie ist laut Wikipedia die Geschichte einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt hat. Also ganz das Gegenteil der &#8220;sch\u00f6ner, schneller, weiter&#8221; Utopien meiner Jugend. 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